UNI Post & Logistics - global union

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Juni 2008: Artikel zu TNT

TNT: Untreue gegenüber Aktionären?

Von Rolf Büttner, Präsident UNI Post & Logistics
Die Doppelstrategie von TNT, dem niederländischen Postkonzern, gerät immer mehr ins Zwielicht. In der europäischen Öffentlichkeit gibt man sich als sozialer Arbeitgeber. Hinter den Kulissen werden unseriöse Geschäftsmodelle mit dubiosen Methoden vorangetrieben.

Aktenvermerke und Rechnungskopien, belegen einen in Europa bisher einzigartigen ungeheuerlichen Vorgang in der Postbranche:

Um nach der europäischen Postmarktliberalisierung einen branchenspezifischen gesetzlichen Postmindestlohn in Deutschland zu verhindern und einen absoluten Niedriglohnsektor zu ermöglichen, wurde auch von TNT die Gründung einer arbeitgebernahen Gewerkschaft betrieben. Beauftragt wurde die Kanzlei Dr. Axer und Partner. Aus Aktenvermerken ergibt sich: Die Initiative ging vom früheren Chef der PIN Group, Thiel aus. Alles immer in Abstimmung mit TNT.

Mehr noch: Zwischen den Verantwortlichen der TNT und der PIN Group bestand Einigkeit, dass die Kosten für die Gewerkschaft jeweils zur Hälfte zwischen TNT und der PIN Group getragen werden. Ein interner Vermerk der PIN Group verweist auf einen entsprechenden E-Mail-Schriftwechsel mit TNT. Die Spur führt direkt zu einem leitenden Personalverantwortlichen im TNT Hauptquartier in Ratingen/ Deutschland.
Vieles spricht dafür, dass auch die TNT- Zentrale in Amsterdam in diese unseriöse Aktivität eingeweiht war.

Auf die gezielten Fragen von UNI-Vertretern an Vertreter des TNT Vorstandes am 26. März 2008 in Amsterdam ob sie in die Machenschaften involviert seien, drückten sich die TNT-Manager um eine Antwort. Ein Dementi gab es nicht. Im Gegenteil: Erklärt wurde, man werde die arbeitgebernahe Scheingewerkschaft weiter anerkennen. Im Business-Plan sei dies so kalkuliert.

Mit ihrem Vorgehen stellt sich TNT in Europa ins Abseits. Keine europäische Postgesellschaft arbeitet mit solch unwürdigen Methoden. Akten belegen folgende dubiose Praktiken, bei denen TNT voll mit drinhängt:

Die Kanzlei Dr. Axer und Partner suchten als erstes für das „Projekt arbeitgebernahe Gewerkschaft“ einen Gewerkschaftsvorsitzenden. Fündig wurde man im „Bekanntenkreis“ der Kanzlei: Arno Doll, Unternehmensberater und früheres Mitglied der Geschäftsführung der Tengelmann Gruppe. Mit ihm handelte die Kanzlei einen Vertrag aus.

Die Vergütung beim „Gewerkschaftschef“ Doll, soll laut einem internen Vermerk der PIN Group 25.000 Euro im Monat betragen, die sich wie folgt aufteilen: 3500 Euro aus der Kasse der neu gegründeten Gewerkschaft, 21.500 Euro von der Kanzlei Dr. Axer und Partner. Die wiederum alles der PIN Group in Rechnung stellt. Und so sollte es laufen: Der holländische Postkonzern TNT immer mit 50% der entstandenen Kosten dabei.

Die internen Akten lesen sich wie ein Wirtschaftskrimi. Die Kanzlei Dr. Axer und Partner betätigt sich beim Entwurf einer Gewerkschaftssatzung, eines Aufnahmeantrags für die Gewerkschaft und sorgt für die Kapitalausstattung der Gewerkschaft, für Büro, Computer usw. Alles wird der PIN Group in Luxemburg in Rechnung gestellt und sofort bezahlt. So sollte es laufen: Der holländische Postkonzern TNT immer mit 50% beteiligt.

900.000 Euro wurden von der Kanzlei Dr. Axer und Partner Anfang Dezember 2007 der PIN Group in Rechnung gestellt und am 17.12.2007 bezahlt. Diese Summe wird in einer Pressemitteilung der PIN- Group bestätigt. Wofür waren diese „Beratungsdienstleistungen“? Wo ist das Geld geblieben, das PIN Chef Thiel wenige Tage vor seinem Rücktritt überwiesen hat?

Spannend geht es weiter: Nachdem die Kanzlei Dr. Axer und Partner das Finanzielle erledigt hat gründet sich die „Gewerkschaft“ GNBZ. Neben Unternehmensberater und „Gewerkschaftschef“ Arno Doll mit seiner 25.000 Euro Monatsgage, tauchen im Gründungsvorstand T. Glückstein, C. Hocke, M. Hocke, Reichelt sowie die Web-Site Verantwortliche Dix auf. Alle zum Zeitpunkt der Wahl Leitungsverantwortliche der PIN Berlin. Das Vorstandsmitglied Franke ist zum Zeitpunkt der Wahl Leiter einer Regionalgesellschaft.

Wie sehr das ganze Spiel von langer Hand vorbereitet war ergibt sich auch daraus, dass Florian Gerster Präsident des von TNT mitinitiierten Arbeitgeberverbandes wenige Tage vor Gewerkschaftsgründung schon über die Gewerkschaftsgründung öffentlich orakelte. Nach Presseberichten erhält Gerster 1 Million Euro für seine zwielichtige Rolle als Arbeitgeberpräsident. Als der Skandal um die GNBZ erstmals ruchbar wurde, räumte Gerster am 31.03.08 öffentlich „Fehlverhalten Einzelner“ ein. Von der arbeitgeberfinanzierten Gewerkschaft mochte er trotzdem nicht lassen.

Obwohl 84% der Abgeordneten des Deutschen Parlaments für einen gesetzlichen Postmindestlohn votiert haben, ist TNT jeder noch so anrüchige Trick recht, Lohn- und Sozialdumping in der Postbranche als Geschäftsmodell durchzusetzen.


Das TNT-Chef Peter Bakker es dabei mit demokratischen Gepflogenheiten nicht so genau nimmt und gern auch auf politische Erpressung setzt, hat er schon Anfang November 2007 unter Beweis gestellt: In einem Brief an die deutsche Bundeskanzlerin Merkel drohte er, sich aus Deutschland zurückzuziehen, wenn der Postmindestlohn kommt. Ein einmaliger Vorgang. Noch nie sind Konzernchefs aus dem Ausland so dreist vorgegangen.

Die Kunden in Europa werden auf Dauer mit zwielichtigen Hungerlohnhalunken in der Postbranche keine Geschäfte machen wollen. Kunden springen ab. Der Imageschaden ist riesig. Neue Kunden sind für solche dubiosen Unternehmen nicht zu begeistern.

Aber auch die Aktionäre werden fragen: Was betreibt der TNT-Chef für dubiose Machenschaften mit dem Geld der Aktionäre? Ist der Tatbestand der Untreue gegeben? Nachdem, was jetzt herausgekommen ist und mit Belegen bei der Staatsanwaltschaft gesammelt wurde, ist eindeutig: Die GNBZ ist eine vom Arbeitgeber gegründete und finanzierte Scheingewerkschaft. Ziel war, einen willfährigen Tarifpartner für Lohn- und Sozialdumping bei TNT und Co. zu schaffen. Dadurch steht fest: Bei der GNBZ ist das Kriterium einer Gewerkschaft nicht erfüllt. Das sieht auch das deutsche Bundesarbeitsministerium so. Die GNBZ kann deshalb auch keine Tarifverträge abschließen. Ihre bisherigen „Tarifverträge“ sind nutzlos. TNT wusste von Anfang an, dass GNBZ nicht gegnerfrei ist. Durch konspirative Vorgehensweisen und verdeckte Zahlungen sollte dies verschleiert werden. Belegt ist dies durch Akten, e-mails etc. Durch Beteiligung an diesen Vorgängen und den Verschleierungsmaßnahmen haben die TNT-Manager das Unternehmen TNT nachhaltig geschädigt.

Im Interesse des Unternehmens und der Arbeitnehmer sollte TNT sich schleunigst von der arbeitgebernahen Gewerkschaft GNBZ distanzieren und den gesetzlichen Postmindestlohn in Deutschland zahlen.

Die juristische Auseinandersetzung geht weiter. Die deutsche UNI- Mitgliedsorganisation ver.di hat jetzt den Generalstaatsanwalt eingeschaltet. Auch die Rolle von TNT soll untersucht werden.



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