UNI Post & Logistics - global union

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Präsident der UNI Post & Logistics - global union

Von Thorsten Schulten, April 2008

Die Liberalisierung des Postsektors in den Niederlanden - ein Lehrstück

In Deutschland gilt der Postsektor zu Recht als ein Musterbeispiel dafür, welche negativen sozialen Konsequenzen mit der Privatisierung und Liberalisierung öffentlicher Dienstleistungen verbunden sein können. Aufgrund des Fehlens einheitlicher Lohn- und Arbeitsstandards in der Branche hat sich hier ein Wettbewerbsmodell etabliert, bei dem die Konkurrenz primär über die Arbeitskosten ausgetragen wird.[1] Hinzu kommt, dass es sich bei dem Postmarkt um einen tendenziell gesättigten Markt handelt, der kaum noch größere Wachstumspotenziale enthält, sodass der Wettbewerb zwischen den Postunternehmen automatisch zum Verdrängungswettbewerb wird.

Mit der Einführung eines allgemeinverbindlich erklärten Branchen-Mindestlohns für die Briefdienstleistungen zum 1. Januar 2008 ist in Deutschland der Versuch unternommen worden, branchenweite Mindeststandards einzuführen und damit den Lohnkostenwettbewerb einzudämmen. Unterstützt wird die Einführung eines Postmindestlohns dabei nicht nur von der zuständigen Gewerkschaft ver.di, sondern auch von dem ehemaligen Staatsmonopolisten Deutsche Post World Net, der sich hierdurch die Durchsetzung „fairer“ Wettbewerbsbedingungen erhofft. Gegen die Einführung des Postmindestlohns wenden sich die in Deutschland neu etablierten Postunternehmen, die darin lediglich eine protektionistische Maßnahme sehen, um die Marktposition des alten Postmonopolisten zu verteidigen.

In der Praxis haben die neuen Postunternehmen in Deutschland ein Geschäftsmodell entwickelt, das im wesentlichen auf prekären Beschäftigungsverhältnissen und der Zahlung von Niedrig- und Armutslöhnen beruht, deren Höhe zwischen 30% und 60% unterhalb des entsprechenden Lohniveaus bei der Deutschen Post liegt. Dies reflektiert die Tatsache, dass es sich bei der Deutschen Post mit einem Organisationsgrad von etwa 80% nach wie vor um eine gewerkschaftliche Hochburg handelt, während die Gewerkschaften in den neuen Postunternehmen kaum vertreten sind (Input Consulting 2006a, Brandt u.a. 2007).

Zu den Hauptkonkurrenten auf dem deutschen Postmarkt gehören neben der Pin Group vor allem TNT Post, bei der es sich um ein Tochterunternehmen des ehemaligen staatlichen Postmonopolisten der Niederlande TNT handelt. TNT legt in seinen eigenen Unternehmensdarstellungen viel Wert auf seine „soziale Verantwortung“ und hat sich auch in Deutschland explizit gegen Lohn- und Sozialdumping ausgesprochen, wonach „es nicht länger hinnehmbar sei, den Wettbewerb auf dem deutschen Briefmarkt zu Lasten der Beschäftigten auszutragen“ (TNT Post Deutschland 2007). Gleichzeitig weigert sich TNT jedoch, seinen Beschäftigten den gültigen Postmindestlohn zu zahlen oder gar mit ver.di einen umfassenden Tarifvertrag abzuschließen. Stattdessen hat TNT zusammen mit anderen Postunternehmen einen eigenen Arbeitgeberverband gegründet, der mit der so genannten „Gewerkschaft der Neuen Brief- und Zustelldienste“, die mit maßgeblicher finanzieller und personeller Unterstützung der neuen Postunternehmen kurzfristig aus dem Boden gestampft wurde, einen Tarifvertrag abgeschlossen. Letzterer enthält Löhne, die deutlich unterhalb des gültigen Post-Mindestlohns liegen.

In den Niederlanden nimmt TNT hingegen in eine völlig andere Rolle ein. In dem ehemaligen Monopolunternehmen verfügen die niederländischen Gewerkschaften nach wie vor über eine relativ starke Position und sind dementsprechend in der Lage, tarifvertragliche Regelungen durchzusetzen. Anders sieht es bei den im Zuge der Liberalisierung des niederländischen Postmarktes neu entstandenen Unternehmen aus, die bis heute keinerlei Tarifbindung unterliegen. TNT und die niederländischen Gewerkschaften werfen diesen Unternehmen eine Wettbewerbsstrategie vor, die im Wesentlichen auf Lohn- und Sozialdumping beruht. So arbeiten die neuen Postunternehmen größtenteils mit (Schein-)Selbstständigen, die nach Stücklohn bezahlt werden und damit de facto oft Löhne erhalten, die noch unterhalb des in den Niederlanden gültigen gesetzlichen Mindestlohns liegen.

Zu den wichtigsten Konkurrenten von TNT auf dem niederländischen Postmarkt gehört die Firma Selekt Mail, die eine Tochtergesellschaft der Deutschen Post ist. Damit schließt sich der Kreis und es beginnt ein Lehrstück über das Verhalten von Konzernen, die von der Privatisierung und Liberalisierung profitieren und den Konsequenzen, die dies für Beschäftigte und Gewerkschaften mit sich bringt.

1. Die Entwicklung des niederländischen Postmarktes

Im Hinblick auf den Postsektor gehören die Niederlande europaweit zu den Vorreitern einer offensiven Liberalisierungs- und Privatisierungspolitik (Input Consulting 2006a, Ministerie van Economische Zaken 2008). Ursprünglich sollte der niederländische Postmarkt wie in Deutschland bereits zum 1. Januar 2008 vollständig liberalisiert werden. Allerdings hat sich die niederländische Regierung Anfang Dezember 2007 kurzfristig dafür entscheiden, die Liberalisierung noch einmal zu verschieben. Als offizieller Grund wurde hierfür u.a. die Einführung des Post-Mindestlohns in Deutschland angegeben, der von der niederländischen Regierung als protektionistische Maßnahme gegen den TNT-Konzern angesehnen wird (Keuning 2007). Als Gegenmaßnahme wurde deshalb zumindest vorläufig auch der Deutschen Post der vollständige Zugang zum niederländischen Postmarkt verwehrt. Dementsprechend verfügt TNT nach wie vor über das Briefmonopol für alle Sendungen unter 50 Gramm.

Die niederländische Liberalisierungspolitik ist eng mit den Interessen des ehemaligen Postmonopolisten TNT verbunden, der sich in den letzten Jahren zu einem der führenden europäischen Postkonzernen mit weltweit etwa 140.000 Beschäftigten entwickelt hat (Spieker 2007: 110ff.). Ursprünglich verbirgt sich hinter dem Namen TNT das australische Logistik-Unternehmen Thomas Nationwide Transport, das in den 1990er Jahren von der ehemaligen niederländischen Staatspost Koninklijke PTT Nederland übernommen wurde. Seit 2006 firmiert der Konzern offiziell untern dem Namen TNT und setzt sich im Wesentlichen aus den Sparten TNT Express für das Kuriergeschäft und TNT Post für das Paket- und Briefgeschäft zusammen. Neben Deutschland ist TNT mittlerweile in sechs weiteren europäischen Ländern mit eigenen Postunternehmen vertreten und bildet dort oft den wichtigsten Konkurrenten zu den nationalen Incumbents (TNT Post 2007). Seit Ende 2006 ist TNT auch der erste ehemalige staatliche Postkonzern in Europa, der vollständig privatisiert wurde und sich nunmehr zu 96% in der Hand von – mehrheitlich internationalen – institutionellen Investoren befindet (TNT 2007).

Mit der Liberalisierung des Postmarktes sind in den Niederlanden eine Reihe neuer privater Postunternehmen entstanden, die jedoch zumeist nur lokale Bedeutung haben. Als landesweit bedeutsame Konkurrenten zu TNT konnten sich lediglich zwei Unternehmen etablieren. Hierbei handelt es sich zum einen um die Firma Sandd, die dem niederländischen Investmentfond Trimoteur gehört, und die Firma Selekt Mail, die eine Tochtergesellschaft der Deutschen Post ist und seit jüngstem unter dem Namen DHL Global Mail firmiert. Nach Angaben der niederländischen Regulierungsbehörde OPTA (Onafhankelijke Post en Telecom Autoriteit) verfügten die neuen Postunternehmen im Jahr 2006 zusammen über einen Marktanteil von 12% des niederländischen Briefmarktes, während TNT mit 88% nach wie vor den Löwenanteil hält (Abbildung 1). Sowohl Sandd als auch Selekt Mail (Deutsche Post) haben jedoch bereits vor Jahren das Ziel formuliert, nach der vollständigen Liberalisierung des niederländischen Briefmarktes einen Marktanteil von 20% bis 25% zu erobern (Ministerie van Economische Zaken 2005: 29).



2. Auswirkungen auf die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen

Mit der voranschreitenden Liberalisierung des niederländischen Postmarktes traten auch die Auswirkungen auf die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen immer offener zu Tage. Dabei zeigt sich das aus Deutschland vertraute Bild eines tief gespaltenen Arbeitsmarktes zwischen den Beschäftigten des ehemaligen Monopolkonzerns TNT und den Beschäftigten in den neuen Postunternehmen. Die niederländischen Gewerkschaften haben zu den systematischen Unterschieden in den Lohn- und Arbeitsstandards eine eigene Untersuchung vorgelegt (FNV u.a. 2007) und darüber hinaus ein „Schwarzbuch“ über die Arbeitsbedingungen bei den neuen Postunternehmen – einschließlich der Deutschen Post-Tochter Selekt Mail – veröffentlicht (FNV Bondgenoten 2007). Die strukturellen Unterschiede in den Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen bei TNT und den neuen Postunternehmen werden außerdem auch durch eine Studie des niederländischen Wirtschaftsministeriums bestätigt, die jedoch nicht veröffentlicht wurde und deren Ergebnisse nur in einer Zusammenfassung vorliegen (Ministerie van Economische Zaken 2007b).

Grundsätzlich wird in den Niederlanden bei den Postbeschäftigten zwischen „Postboten“ (Postbode) und „Postzustellern“ (Postbezorger) unterschieden. Bei den Postboten handelt es sich um Beschäftigte, die in der Regel auf Vollzeitbasis arbeiten und den gesamten Arbeitsablauf von der Sortierung der Briefe im Verteilzentrum bis hin zur Zustellung verrichten. Die Arbeit der Postzusteller ist hingegen auf das Austragen von Postsendungen beschränkt und erfolgt in den meisten Fällen im Rahmen einer Teilzeit- oder geringfügigen Beschäftigung. Während bei TNT mehrheitlich nach wie vor Postboten beschäftigt sind, arbeiten die neuen Postunternehmen fast ausschließlich mit Postzustellern. Allerdings ist die Anzahl der für TNT arbeiten Postboten in den letzten Jahren um mehr als 9.000 zurückgegangen. Im gleichen Zeitraum haben die neuen Postunternehmen mehr als 20.000 Postzusteller eingestellt, was umgerechnet in Vollzeitstellen jedoch nur etwa 4.000 neuen Jobs entspricht (FNV u.a. 2007: 5). Somit hat die Liberalisierung des niederländischen Postmarktes bislang zu einer erheblichen Reduzierung des Beschäftigungsvolumens geführt.

Der wichtigste Unterschied im Hinblick auf die Arbeitsbedingungen bei TNT und den neuen Postunternehmen besteht bereits bei den konkretren Vertragsverhältnissen. Während bei TNT sowohl die Postboten als auch die Postzusteller einen Arbeitsvertrag (arbeidsovereenkomst) haben und damit Angestellte des Unternehmens sind, beschäftigen die neuen Postunternehmen ihre Postzusteller nahezu ausschließlich als (schein-)selbstständige Auftragnehmer (overeenkomst van opdracht). Damit sind weitreichende Konsequenzen für die Lohn- und Arbeitsbedingungen verbunden (Tabelle 1). Bei TNT verdient ein Postbote nach dem aktuell gültigen Tarifvertrag in der untersten Lohngruppe einen Stundenlohn zwischen 14 und 15 Euro; ein Postzusteller erhält demgegenüber 9 Euro pro Stunde. Hinzu kommt, dass alle Beschäftigten bei TNT Anspruch auf zusätzliche Leistungen wie z.B. bezahlten Urlaub, Urlaubsgeld, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Zahlungen zur Kranken- und Arbeitslosenversicherung sowie betriebliche Pensionszahlungen haben.

In Gegensatz hierzu werden die (schein-)selbstständigen Postzusteller bei den neuen Postunternehmen lediglich nach dem Auftragsvolumen bezahlt und erhalten für die jeweils zugestellten Postsendungen einen Stücklohn. Nach Berechnungen der niederländischen Gewerkschaften kommen diese Postzusteller damit durchschnittlich auf einen Stundenlohn zwischen 6 und 8 Euro und liegen damit vielfach unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns, der derzeit je nach Wochenarbeitszeit zwischen 8,00 und 8,30 Euro liegt.[2] Da die Postzusteller als formal Selbstständige auch keine sonstigen zusätzlichen Leistungen erhalten, liegt das gesamte Arbeitskostenniveau bei den neuen Postunternehmen zwischen 30% und 50% unterhalb der Arbeitskosten für Postzusteller bei TNT. Im Vergleich zu den Postboten bei TNT, deren durchschnittliche Arbeitskosten sich auf 22 bis 24 Euro pro Stunde summieren, beträgt der Unterschied sogar zwischen 60% und 75% (Tabelle 1).

Tabelle 1: Löhne und Arbeitskosten von niederländischen Postboten und -zustellern (2007)
TNT Post
Neue Postunternehmen wie Selekt Mail (Deutsche Post), Sandd u.a.
Postbote
(unterste Lohngruppe)
Postzusteller
Postzusteller
Vertragsform
Arbeitsvertrag
Arbeitsvertrag
Auftrag an einen
(Schein-)Selbstständigen
Tarifvertrag
Ja
Ja
Nein
Stundenlohn
14-15 Euro
9 Euro
6-8 Euro*
Anspruch auf bezahlten Urlaub, Urlaubsgeld, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Beiträge zur Sozialversicherung
Ja
Ja
Nein
Betriebliche Pensionsansprüche
Ja
Ja
Nein
Brutto Arbeitskosten pro Stunde
22-24 Euro
12 Euro
6-8 Euro*
* berechnet auf der Basis von Stücklohnvereinbarungen
Quelle: FNV u.a. (2007: 3).



Wie in Deutschland, so beruht auch in den Niederlanden das Geschäftsmodell der neuen Postunternehmen im Wesentlichen auf prekären Beschäftigungsverhältnissen, die es ihnen erlauben, durch deutlich niedrigere Lohn- und Arbeitskosten dem ehemaligen Monopolisten TNT Marktanteile abzunehmen. Nach einer Umfrage der niederländischen Gewerkschaften wird von drei Vierteln aller Beschäftigten ihre Tätigkeit in den neuen Postunternehmen lediglich als Hinzuverdienstmöglichkeit angesehen. So waren 31% der Beschäftigten Hausfrauen, 7% waren Schüler und Studenten, 34% waren teilweise arbeitsunfähig und bezogen eine dementsprechende Rente und 28% sind gleichzeitig noch einem anderen Job nachgegangen (FNV Bondgenoten 2007: 6).[3] Hinzu kommt, dass bei den neuen Postunternehmen das gesamte Arbeitsrisiko bei den Beschäftigten liegt, die als (Schein-)Selbstständige über keinen Kündigungsschutz verfügen und deren Aufträge bei rückläufigen Auftragsvolumen jederzeit gekürzt oder vollständig ausgesetzt werden können.

Der zunehmende Wettbewerbsdruck der neuen Postunternehmen hat Rückwirkungen auf die Arbeitsbedingungen bei dem ehemaligen Postmonopolist TNT, der sich seinerseits gezwungen sieht, seine Arbeitskosten substanziell zu verringern. Letzteres hat sich bereits seit einigen Jahren in den Tarifauseinandersetzungen bei TNT niedergeschlagen. So sind die Löhne für Postboten bei TNT in den letzten Jahren deutlich hinter der allgemeinen Lohnentwicklung in den Niederlanden zurückgeblieben (Ministerie van Economische Zaken 2008: 132).

Im Frühjahr 2007 hat TNT zudem ein weit reichendes Restrukturierungsprogramm angekündigt, demzufolge das Unternehmen in den Niederlanden bis zum Jahr 2010 bis zu 7.000 Stellen abbauen wird. Darüber hinaus hat TNT von den Gewerkschaften ein mehrjähriges Einfrieren der Löhne und den Abbau betrieblicher Sozialleistungen gefordert, und damit gedroht, dass ohne diese Einsparmaßnahmen die Zahl der zu kürzenden Stellen sich auf 11.000 addierten könnte. Insgesamt will TNT durch diese Maßnahmen 300 Mio. Euro einsparen, um damit seine Wettbewerbsposition zu verbessern (Goebert 2007).

Schließlich hat TNT in den Niederlanden mit Netwerk VSP ein eigenes Tochterunternehmen gegründet, das nahezu vollständig das Beschäftigungsmodell der neuen Postunternehmen übernommen hat und in der Mehrzahl lediglich (schein-)selbstständige Auftragnehmer beschäftigt. Bislang ist der Tätigkeitsbereich von Netwerk VSP auf den Bereich der nicht-adressierten Postsendungen (z.B. Werbesendungen) beschränkt. In der Zukunft könnte das Unternehmen jedoch immer mehr als kostengünstiges Referenzmodell für den gesamten TNT Konzern fungieren und damit die anderen Geschäftsbereiche zusätzlich unter Druck setzen. In dem politischen Auftreten von TNT zeigt sich damit auch eine ausgeprägte Doppelmoral: Auf der einen Seite kritisiert das Unternehmen die Geschäftspraktiken seiner Konkurrenten, auf der anderen Seite geht es selbst dazu über, diese Praktiken in Teilen zu übernehmen.[4]

3. Politik der Gewerkschaften

Ähnlich wie ver.di in Deutschland so haben auch in den Niederlanden die Gewerkschaften im Jahr 2007 eine umfangreiche öffentliche Kampagne gegen die „Pulpbaatjes“ (Schundjobs) der neuen Postunternehmen durchgeführt. Das Ziel dieser Kampagne lag darin, die politischen Vorraussetzungen zu schaffen, um die Arbeitsbedingungen in diesen Unternehmen grundlegend zu verbessern und damit eine ungebremste Konkurrenz um Lohn- und Arbeitskosten im niederländischen Postmarkt zu verhindern (FNV u.a. 2007). Dabei verfolgten die niederländischen Gewerkschaften eine politische Doppelstrategie: Zum einen verlangten sie von der Politik die Einführung sozialer Regelungen in das niederländische Postgesetz, durch die bestimmte gesetzliche Mindeststandards für alle Postbeschäftigten festgeschrieben werden sollten. Zum anderen forderten sie die neuen Postunternehmen auf, mit ihnen in Tarifverhandlungen zu treten.

Um die ursprünglich für 2008 vorgesehene vollständige Liberalisierung des niederländischen Postmarktes zu beschließen, musste das niederländische Postgesetz im Frühjahr 2007 noch einmal revidiert werden. In diesem Zusammenhang forderten die niederländischen Gewerkschaften die Aufnahme eines eigenständigen Artikels über Arbeitsbedingungen, demzufolge alle Tätigkeiten in Postunternehmen auf der Basis eines Arbeitsvertrages zu erfolgen hätten. Die bei den neuen Postunternehmen bislang übliche Praxis der Auftragsvergabe an formal selbstständige Beschäftigte sollte demnach nicht mehr erlaubt sein (ebenda: 7). Unterstützt wurden die Gewerkschaften hierbei nicht nur von den beiden linken Oppositionsparteien Socialistische Partij (SP) und GroenLinks, sondern auch von Teilen der aktuellen Regierungskoalition, wie der sozialdemokratischen Partij van de Arbeid und der kleinen christlich-sozialen Partei ChristenUnie. Letztere konnten sich gegen den Widerstand des großen christdemokratischen Koalitionspartners Christen Democratisch Appèl (CDA) jedoch nicht durchsetzen.

Im Mai 2007 wurde schließlich als Kompromiss beschlossen, einen eigenen Artikel zu den Arbeitsbedingungen von Postbeschäftigten in das Postgesetz aufzunehmen. In diesem Artikel wird zunächst kritisiert, dass die Konkurrenz im Postmarkt nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden darf. Die Verantwortung zur Verhinderung einer solchen Situation wird jedoch den Tarifvertragsparteien zugewiesen, die aufgefordert werden, Vereinbarungen über „sozial verantwortliche Arbeitsbedingungen“ abzuschließen. Lediglich für den Fall, dass die Tarifvertragsparteien nicht in der Lage sind, entsprechende Regelungen zu vereinbaren, hat die niederländische Regierung nun die Möglichkeit, auch per Dekret bestimmte sektorspezifische Arbeitsbedingungen festzulegen (Ministerie van Economische Zaken 2007a).

Die neuen Postunternehmen haben sich ursprünglich allesamt geweigert, mit den Gewerkschaften in Tarifverhandlungen zu treten. Dies gilt auch für die Deutsche Post, die in Deutschland als eher soziapartnerschaftlich orientiertes Unternehmen gilt, deren niederländisches Tochterunternehmen Selekt Mail jedoch Tarifverhandlungen stets mit dem Hinweis abgelehnt hat, dass es kaum eigene Arbeitnehmer beschäftigen würde. So wie TNT in Deutschland sein niedriges Lohnniveau mit dem Argument rechtfertigt, dass es als Newcomer gegenüber dem Ex-Monopolisten Deutsche Post nach wie vor erhebliche logistische Nachteile und damit verbundene Produktivitätsrückstände hat, so rechtfertigt Selekt Mail in den Niederlanden sein Beschäftigungsmodell mit Hinweis auf die Produktivitätsrückstände gegenüber TNT. Hinzu kommt, dass sowohl die Deutsche Post in den Niederlanden als auch TNT in Deutschland die jeweils relativ hohen Löhne der Ex-Monopolisten als nicht „marktgerecht“ kritisieren.

Der hohe öffentliche und politische Druck sowie die im Postgesetz geschaffene Möglichkeit einer gesetzlichen Festlegung bestimmter Arbeitsbedingungen haben die TNT-Konkurrenten Sandd und Selekt Mail mittlerweile dazu bewegt, das Gespräch mit den Gewerkschaften zu suchen. Mit der Verschiebung der vollständigen Liberalisierung hat auch die niederländische Regierung den Druck auf die neuen Postunternehmen noch einmal erhöht. Schließlich wurden im März 2008 offiziell Verhandlungen über den Abschluss eines Tarifvertrages begonnen, deren Ausgang bei der Fertigstellung dieses Manuskriptes noch nicht absehbar ist (FNV Bondgenoten 2008). Die grundlegende Position der niederländischen Gewerkschaften besteht hierbei darin, dass die Liberalisierung des Postmarktes erst dann vollendet werden darf, wenn in einem allgemeinverbindlich erklärten Branchentarifvertrag für den gesamten Postsektor bestimmte Mindeststandards festgelegt wurden, die ein tatsächliches „level-playing-field“ für den zukünftigen Wettbewerb schaffen (ebenda).

Bei allen offensichtlichen Parallelen im Zuge der Liberalisierung des Postmarktes und seinen Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen in Deutschland und den Niederlanden ist es verwunderlich, wie wenig die deutschen und niederländischen Gewerkschaften bislang in dieser Frage zusammengearbeitet haben. Immerhin hat sich Anfang April 2008 eine Delegation der europäischen Postgewerkschaft UNI Post & Logistik unter Beteiligung von niederländischen und deutschen Gewerkschaftsvertretern mit der Spitze des TNT Konzerns getroffen. In diesem Rahmen haben die Gewerkschaften auch eine deutsch-niederländische Arbeitsgruppe gegründet, die sich zukünftig in den Auseinandersetzungen um bessere Arbeitsbedingungen bei TNT und der Deutschen Post gegenseitig unterstützen will (UNI Post & Logistik 2008).

Literatur:

Brandt, T./Drews, K/Schulten, T. (2007) Liberalisierung des deutschen Postsektors – Auswirkungen auf Beschäftigung und Tarifpolitik, in: WSI-Mitteilungen, Vol. 60 (5), 266-272.

FNV u.a. (2007): Liberalisering postmarkt in Nederland geeft ongewenste loonconcurrentie, (www.fnvbondgenoten.nl/site/branches_bedrijven/branches/
dienstverlening/postbezorgers/rk_post/595663/582065?view=Standard
).

FNV Bondgenoten (2007): Onbestelbaar - Een zwartboek van over de werkelijkheid van de Nederlandse postbezorger, FNV:

FNV Bondgenoten (2008): Onderhandelingen postbezorgers-cao van start, Pressemitteilung vom 17. März 2008.

Goebert, N. (2007): Duizenden banan weg bij TNT Post, in: de Volkskrant vom 4. April 2007.

Input-Consulting (2006a): Im Gleichklang? Befunde zur Liberalisierung und Regulierung des Postsektors in ausgewählten EU-Mitgliedstaaten, Stuttgart.

Input Consulting (2006b): Liberalisierung und Prekarisierung – Beschäftigungsbedingungen bei den neuen Briefdienstleistern in Deutschland, Dezember, Stuttgart

Keuning, W. (2007): Lieberalisering Postmarkt uitgesteldt, in: de Volkskrant vom 7. Dezember 2007.

Ministerie van Economische Zaken (2005): De postmarkt in 2007: Transitie naar een geliberaliseerde postmarkt, Zoetermeer.

Ministerie van Economische Zaken (2007a): Derde Nota van Wijziging van de Postwet, 24 Mai 2007.

Ministerie van Economische Zaken (2007b): Arbeidsvoorwaarden van postbezorgers, Brief des Wirtschaftsministeriums an das niederländische Parlament (Tweede Kamer), 27. November 2007.

Ministerie van Economische Zaken (2008): Onderzoek Marktwerkingsbeleid, Februar (http://www.ez.nl/dsresource?objectid=155453&type=PDF).

OPTA (2007): Annual Report and Market Monitor 2006, Den Haag.

Schulten, T. (2006): Mindestlöhne in den BeNeLux-Staaten, in: Schulten, T./Bispinck, R./Schäfer, C. (Hrsg.), Mindestlöhne in Europa, Hamburg, 71-101.

Selekt Mail (2007): Liberalisering van de postmarkt. De laaste ronde, o.O.

Spieker, C. (2007): Ebbe und Flut: die Reorganisation der öffentlichen Infrastruktur in den Niederlanden, in: Bieling, H.-J./Deckwirth, C./Schmalz, S. (Hrsg.), Die Reorganisation der öffentlichen Infrastruktur in der Europäischen Union, FEI Studie Nr. 25, Marburg, 99-130.

TNT (2007): All the Right Connections. Annual Report 2006.

TNT Post (2007): TNT Post in Europa. Feiten en Ontwikkelingen, Januar 2007.

TNT Post Deutschland (2007): TNT Post gegen Lohn- und Sozialdumping, Pressemitteilung vom 31.1.2007.

UNI Post & Logistik (2008): Gewerkschaftsdelegation fordert TNT auf, menschenwürdige Löhne zu zahlen und nur mit richtigen Gewerkschaften zusammenzuarbeiten! Pressemitteilung vom 1. April 2008.



[1] Vgl. hierzu auch den Beitrag von Stephan Teuscher in diesem Band.

[2] Es ist in den Niederlanden derzeit juristisch umstritten, ob das Mindestlohngesetz auch für Beschäftigte gilt, die als formal Selbstständige auf der Basis eines Auftrags (overeenkomst van opdracht) arbeiten. Bislang liegt hierzu keine Rechtssprechung vor. Zum gesetzlichen Mindestlohn in den Niederlanden vgl. Schulten (2006).

[3] In einer Broschüre von Selekt Mail (Deutsche Post) wird die Tatsache, dass von den neuen Postunternehmen so gut wie keine existenzsichernden Vollzeitstellen angeboten werden, sogar noch als besonders innovatives Modell gelobt, das den Beschäftigten flexible Arbeitsmöglichkeiten bietet (Selekt Mail 2007).

[4] Ein ähnlich doppelmoralisches Verhalten findet sich in Deutschland auch bei der Deutschen Post, die teilweise die von ihr kritisierten Arbeitsbedingungen bei PIN, TNT u.a. in eigenen Tochter- und insbesondere bei zahlreichen Subunternehmen selbst praktiziert (Brandt u.a. 2007).




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